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Pressetext: After work theology – Glaubenskurs in der Kneipe

  • Veröffentlicht am: 19 February 2013
  • AutorIn: Maria Herrmann

After work theology – Glaubenskurs in der Kneipe

Nur das Bier fehlt noch“

Die richtige Stimmung soll über die Sitzordnung entstehen. Das erkannten einige Teilnehmer des Workshops „Glaubenskurs in der Kneipe“ auf den ersten Blick. Während sich die 20 Personen im Alter zwischen 20 und 50 auf zwei Tischrunden verteilen, scherzt eine Teilnehmerin „Jetzt fehlt nur noch das Bier“. Die Referentinnen Margrit Wegner, Pastorin im Lübecker Dom und Ute Schneider-Smietana, Hochschulpastorin aus Osnabrück, stimmen ihr lachend zu. Auch sie sitzen mittendrin in der Runde, wie zuhause in ihrer „kirchlichen“ Stammkneipe. Nachdem sich alle Anwesenden kurz vorgestellt haben, beginnen die Referentinnen zu erzählen. 45 Minuten an jedem Tisch, dann wird gewechselt. Margrit Wegner startet an Tisch zwei und bringt viel „Kneipenerfahrung“ ein: seit 2011 gibt es den immer noch namenlosen Treff im domnahen Café Art in Lübeck.

Ideenfindung in England

„Auf die Idee, Kirche mit Kneipe zu verbinden, bin ich in England gestoßen, durch die Fresh-Expression-Bewegung“, sagt Wegner. Den richtigen Ansporn gab aber erst eine junge Frau – mit ihrem Austritt aus der Kirche. Bei einem langen Gespräch stellte sich heraus, dass ihr nicht unbedingt der Glaube abhanden gekommen war, sondern die starre Kirche. Daraufhin startete Wegner den Kneipen-Versuch für Leute zwischen 30 und Mitte 40. Wegner schrieb Brautpaare an, lud mündlich, über E-Mail oder den Gemeindebrief ein. Zum ersten Treffen kam bereits ein knappes Dutzend Neugierige. Bei den Treffen alle zwei Wochen sind es sonst im Schnitt acht Personen, der komplette Kreis der Aktiven umfasst derzeit rund 25 Leute mit ganz unterschiedlichen konfessionellen Hintergründen. Neue kommen immer wieder hinzu: „Einige bleiben, andere nicht“, so die Pastorin. „Wer nicht gern in Kneipen geht, kann meist mit unserem Format auf Dauer nichts anfangen.“ Das verbindende Medium untereinander ist eine Rundmail, die nach jedem Treffen an alle verschickt wird. „So ist jeder stets auf dem Laufenden, auch wenn er einige Male nicht dabei sein konnte.“ Als Gruppenleiterin sieht sich Wegner allerdings nicht. „Ich möchte keine Vorgaben machen, alles soll sich dynamisch entwickeln“. Da reiche ein Babyfoto auf dem Handy eines Kneipengastes mit der Information „ich werde Patentante“ schon aus, um sich plötzlich mitten in einer handfesten Debatte zum Thema Taufe zu befinden.

Das Interesse an religiösen Themen ist hoch

Viele Abende entwickeln in dieser Hinsicht eine interessante Eigendynamik. Der Gesprächsbedarf an religiösen Themen ist hoch. Kürzlich stellte sich die Frage, was es eigentlich mit dem ‚Lamm Gottes‘ auf sich hat. „Dann bin ich natürlich sofort der erste Ansprechpartner“, erzählt Wegner. Besonders erstaunt sie, wie schnell sich die Menschen innerhalb der Gruppe offenbaren. „Scheinbar spüren die Menschen, dass man hier nicht besonders cool oder wichtig ‘rüberkommen muss, wie vielleicht sonst im beruflichen oder privaten Alltag: Manche brechen auch schon mal in Tränen aus.“ Dabei scheint es für sie nicht störend zu sein, dass ihr Schmerz auch für andere Kneipenbesucher sichtbar ist. „Der Betroffene erträgt das und die Gruppe trägt ihn.“

Lebhafte Diskussion innerhalb der Workshop-Gruppe

Die Workshop-Runde hört gebannt zu. Fragen kommen auf. So möchte eine Zuhörerin wissen, ob auch Männer daran teilnehmen. Wegner bejaht: „Im Café läuft glücklicherweise parallel immer eine Fernseher mit Fußball.“ Gelächter. „Der Fernseher ist ein wichtiger Aufhänger, weil einige zunächst in erster Linie Fußball gucken möchten,“ schmunzelt die Pastorin und fasst zusammen: Mit den Augen beim Bildschirm, mit den Ohren bei uns – irgendwann fangen sie auch an zu sprechen und bringen sich in die Diskussion ein. Eine Gemeindereferentin aus Bayern fragt, ob sich dieses Projekt auch in ein bayrisches Dorf verlegen lässt. „Einfach ausprobieren“, rät Wegner. Die Allgäuerin ist skeptisch: „es gibt im Dorf meist nur wenige Gasthäuser – und die sind für diese Zielgruppe oft alles andere als ansprechend. „Da sitzen dann die alteingesessenen Stammtische. Außerdem kennt dort jeder jeden.“ Daher hat sie Sorge, dass die Gruppe schnell als „die Frommen“ abgestempelt wird. Ihrer Meinung nach braucht es für diese Form auch eine gewisse städtische Anonymität. Eine Saarländerin will wissen, ob es ein Erkennungszeichen in der Kneipe gibt – „bei uns hat man Wimpel auf dem Tisch“. Pastorin Wegner verneint: „das hat bisher immer so geklappt“. Vielleicht ein Ergebnis dieser Runde, dass selbst eine lockere Glaube-Kneipen-Idee immer auch flexibel an ortstypische Gegebenheiten angepasst werden muss. Auf die Frage, warum es eine Kneipe sein muss und nicht das Gemeindehaus, hat Wegner eine klare Antwort parat: „Weil wir mitten bei den Menschen sein wollen. Das Gemeindehaus verbinden viele mit einer ‚gestalteten Mitte’, Teekannen und einem gewissen Zwang.“ Die „Glaubenskneipe“ punktet dagegen mit freierem Ambiente. Das hat Auswirkungen: Zwei Wiedereintritte, zwei Taufen und allmählich neue Gottesdienstbesucher sind zu „verbuchen“. „Aber auch ich selbst gehe jedes Mal nach diesen Abenden bereichert nach Hause.“

Osnabrücker Abende mit thematischem Impuls

Der Hahn aus dem Handy kräht, Zeit zum Wechseln. Pastorin Wegner geht, Pastorin Schneider-Smietana kommt. Auch sie hat Impulse aus der Anglikanischen Kirche übernommen: „Ein Vortrag von Bischof Nick Baines hatte mich seinerzeit zu den Kneipenabenden inspiriert“. Ihr Angebot richtet sich vor allem an Studenten und junge Absolventen. Treffpunkt für das sechsmal pro Semester stattfindende Projekt „Seeker’s Chatroom“, das sie mit einem weiteren Pastor anbietet, ist das „Baloo“. Ein angesagter Club in Osnabrück, der von zwei Protestanten im katholischen Kolpinghaus betrieben wird. „Die dort gelebte Ökumene passt gut zu unserem Projekt – auch bei uns sind beide Konfessionen, aber auch Konfessionslose vertreten. Den Erfolg der Kneipenabende macht für die Hochschulpastorin vor allem der Ort aus: „Die meisten kommen lieber in eine Kneipe als in ein Gemeindehaus. Die Hemmschwelle ist nicht so hoch.“ Der Osnabrücker Ansatz ist dabei etwas anders als in Lübeck. Schneider-Smietana und ihr Kollege gehen jedes Mal mit einem vorbereiteten kurzen thematischen Impuls in den Abend. Bei der Themenfindung hören sie dabei auf die Bedürfnisse der Teilnehmer. „Wir kommen nicht mit einem fertigen Paket – uns geht es um das offene Gespräch, um Freiheit und die Möglichkeit, dass sich etwas entwickelt.“ Die jeweilige Gruppengröße ist ähnlich wie Lübeck. „Mit zehn oder zwölf Personen stoßen wir an unsere Grenzen, weil sich durch den Geräuschpegel der Umgebung nur schwer ein gemeinsames Gespräch entwickeln kann.“ Trotzdem will Schneider-Smietana weiterhin mit allen „mittendrin“ sein. „Zuerst saßen wir im separierten und gelüfteten Raucherraum. Das war nicht gut.“ Hier wie in auch in Lübeck braucht es demnach wohl das unverbindliche Ambiente, damit der eine oder andere Teilnehmer irgendwann vielleicht verbindlich sagen kann: „Kirche ist auch mein Bier.“

 

Alexandra Kaufhold-Winkler