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Eine Idee & ihre Geschichte

Konkrete ökumenischen Begegnungen und die gemeinsame Suche nach einem Bild für die Kirche der Zukunft waren die ersten Schritte zu dem, was heute Kirche² ist. Es waren eben gerade kein grüner Tisch, auch kein Kirchenleitungsdekret oder äußeren Zwänge, sondern persönlicher und thematischer Austausch, die den Grundstein legten. Fachreferentinnen und -referenten aus dem Bistum Hildesheim und der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers aus den Arbeitsbereichen Ökumene und Missionarische Dienste bzw. Seelsorge entdeckten Parallelen in der Wahrnehmung der Situation in ihren Kirchen und begannen, ihre Hoffnung zu teilen, dass da noch mehr ist. Ein Dialog begann, der seitdem nicht aufgehört hat.

Lernen am dritten Ort – Inspiration aus England
Das Team reiste daraufhin nach England, um sich in der anglikanischen Kirche eine spannende Entwicklung vor Ort anzuschauen. In der Church of England wurden in den letzten zehn Jahren über 1000 „fresh expressions of church“ gegründet, vielfältige und kreative Gemeindeformen jenseits der bewährten Ortsgemeinde. Sie sind für die englischen Kirchen inmitten von finanziellen Abbrüchen und Mitgliederschwund ein unübersehbares Hoffnungszeichen. Fresh Expressions verstehen sich als Ergänzung zu vorhandenen Ortsgemeinden und wollen die bisherige Form von Kirche bereichern, nicht ersetzen. Für diese Zusammenarbeit von bewährten und neuen gemeindlichen Formen haben die Anglikaner den Begriff der „mixed economy“ geprägt. Drei ökumenische Studienreisen wurden zwischen 2009 und 2011 durchgeführt und auch auf flankierenden regionalen Studientagen entwickelte ein wachsendes ökumenisches Netzwerk in Landeskirche und Bistum. Im Frühjahr 2011 fand in Filderstadt bei Stuttgart der Kongress Gemeinde 2.0 mit dem Transfer von anglikanischen Erfahrungen in süddeutsche kirchliche Kontexte statt.
Daraufhin wuchs der Wunsch den herausfordernden Horizont einer Kirchenentwicklung in ökumenischer Weite noch weiteren Menschen mit Leidenschaft für ihre Kirche im norddeutschen Raum bzw. darüber hinaus zugänglich machen. Neben den inspirierenden fresh expressions of church in England sollten darin auch andere weltkirchliche Impulse (u.a. aus dem Bistum Poitiers, den Philippinen sowie den USA) und vor allem die Dynamik der vielen kleinen regionalen Aufbrüche in den norddeutschen Kirchen vorkommen.

Kirche² - Ein ökumenischer Kongress
Drei Monate vor Beginn ausgebucht, breites Medienecho, begeisterte Reaktionen – das war der ökumenische Kongress Kirche², der vom 14.-16.02.2013 in Hannover stattfand. Über 1350 Menschen teilten Ideen, Visionen und Erfahrungen und verwandelten ein Messezentrum in ein ökumenisches Laboratorium für die Zukunft der Kirche. Andere beteiligten sich per Twitter oder schauten im Livestream vorbei. Fünf große Plenarveranstaltungen, 23 Foren, 69 Workshops und 50 Stände machten den Kongress zu einem großen Forum der Begegnung und Inspiration.

Der ökumenische Kongress, den die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers und das Bistum Hildesheim in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Niedersachsen organisierten, bewegte sich im produktiven Spannungsfeld von Mission und Ökumene. „Kirche hoch zwei“ steht für Begegnung. Und was sich da beim Kongress begegnete, blockierte sich nicht oder kürzte sich gar weg, sondern potenzierte sich: Deutsche Fragehorizonte trafen auf englische Lebenswelten und Strategien. Evangelische Kirche und katholische Kirche entdeckten ihre gemeinsame Situation, ihre gemeinsame Sendung und erlebten die Dynamik, die sich entfaltet, wenn sie ihre Gaben zusammenbringen. Diese Dynamik ließ Kirche in einer neuen Dimension erfahren: traditionell verwurzelt und offen für Experimente, lokal verankert mit globalem Horizont, gott-offen und strategisch im eigenen Handeln, bei Christus zuhause und mit ihm unterwegs zu den Menschen. Deutlich wurde: Glaubwürdige Mission heißt, nah bei Gott und nah bei den Menschen zu sein. Bewährte und innovative Formen, Kirche zu sein, gehören im Sinne einer „mixed economy“ zusammen. Erfahrung vor Ort und internationale Inspirationen brauchen einander. Reale und virtuelle Kommunikation beflügeln sich wechselseitig.

Der Schwung des „hoch zwei“ wurzelte in tiefem Vertrauen: einem Vertrauen auf Gott, dass er unserer Gegenwart nicht ferner ist, als einer womöglich idealisierten Vergangenheit.
Und ein Vertrauen in die Teilnehmenden: dass sie keine Rezepte verordnet bekommen wollten, sondern einen Raum suchten, in dem sie im Sinne der oben genannten Begegnungspaare sich über ihre Träume und Erfahrungen austauschen, miteinander vor Gott feiern und gemeinsam Schritte in die Zukunft setzen konnten.

Das „energetische“ Anliegen – der Horizont des Aufbruchs
1. Wenn die Kirche in Zukunft nah bei den Menschen bleiben bzw. überhaupt wieder in die lebensweltliche Nähe der Menschen rücken möchte, gelingt dies nur über Netzwerke von unterschiedlichen kirchlichen Orten mit gemeinsamer, missionarischer Ausstrahlungskraft und neuen pastoralen Strukturen. Basis für diesen Ansatz bildet die gemeinsame Berufung aus der Taufe. Die unterschiedliche Differenzlogik der Konfessionen, die zwischen Laien und Klerus, Geistlichen und „Nicht-Theologen“, Ehrenamtlichen und beruflich Tätigen unterscheidet, entfaltet die verschiedenen Charismen, die mit der einen Taufe gegeben sind. Kirche baut sich von den Getauften her auf, lokal, an unterschiedlichen Orten, in verschiedenen Formen. Für diese ekklesiologische Wende muss ein bislang dominierendes Kirchenbild, das sich auf die Ortsgemeinde als die Sozialform und den Priester bzw. Pastor als die religiöse Repräsentanz von Kirche konzentriert, verflüssigt und das allgemeine Priestertum der Getauften als Ausgangspunkt von kirchlicher Entwicklung entdeckt werden. Die Frage nach einer neuen Kultur des Kircheseins, nicht nach der Struktur, wird zur Schlüsselfrage der Zukunft. Diese Frage lässt sich nicht an den konkreten Menschen als den Subjekten von Kirche vorbei beantworten – und auch nicht an jener ebenso unberechenbaren wie notwendigen Inspiration des Geistes Gottes. Wie Kirche zu gestalten ist, wird zur Frage aller, nicht nur von Expertinnen und Experten.

2. Der Wandel der Kirchenbilder und die Entdeckung der eigenen Berufung aus der Taufe kann gewollt, aber nicht gemacht werden. Als geistlicher wie als Bildungsprozess ist er unverfügbar. Dazu braucht es einen Mentalitätswechsel, der weder angeordnet noch geplant werden kann. Es gibt jedoch ästhetische wie inhaltliche Faktoren, die eine disponierende Wirkung für diese an sich unverfügbaren Prozesse haben. Überzeugende und inspirierende kirchliche Beispiele können deutlich machen, dass Kirche noch ganz anders aussehen kann, als ich sie bisher erlebt habe. Menschen mit Passion können mir den Weg zu den Quellen weisen, die das eigene kirchliche Engagement nähren. Visionäre und prophetische Blicke können mir die Gegenwart neu deuten und Horizonte öffnen, die ich bislang nicht wahrgenommen habe – und all dies in ökumenischer Weite. Vervielfältigung der Wahrnehmungsperspektiven aber eröffnet die Erfahrung von Freiheit und den Zuwachs von Handlungsmöglichkeiten. Wo hier noch Begeisterung einzieht, kann ich mich neu auf den Weg machen – vom Gipfel eines Kongresserlebnisses hinab in die Niederungen meines kirchlichen Alltages, das für mich neu zum Land der Verheißung geworden ist. Für die Bewegung Kirche² bedeutete dieser primär „energetische“ Ansatz: Wir verteilen keine fertigen Rezepte, sondern erzählen Geschichten. Wir bieten primär Anschauungsbeispiele von Lebensorten und -formen des Glaubens und weniger programmatische Soll-Abstraktionen. Wir versuchen den verhängnisvollen Konjunktiv zu vermeiden, der vielstimmig tönt, wie Kirche zu sein hätte, was sie alles noch machen müsse etc., um dann doch nur das Überforderungsgefühl zu steigern. Wir nehmen in den Blick, was sich in den unterschiedlichen Erfahrungen, Initiativen und Aufbrüchen als gemeinsames Bild für eine Kirche der Zukunft abzeichnet. Wir schaffen Raum für Partizipation und informelle Begegnungen, wir vernetzen über Social Media und in regionalen Veranstaltungen.