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Von der Sache mit dem Berg

  • Veröffentlicht am: 21 February 2016
  • AutorIn: Maria Herrmann

Berge haben in der jüdisch-christlichen Tradition eine große Bedeutung. Sie sind gleichermaßen Ort der Verkündigung, der Verklärung, der Offenbarung, aber auch der Versuchung, der Herausforderung, der Entscheidung. Auf vielfache Weise sind Berge besondere Plätze für Gottes Geschichte mit uns Menschen. Hier scheint das Geschehen und Werden des Himmels für unsere irdische Perspektive besonders durchscheinend zu sein.

Spätestens im Landeanflug auf Kapstadt sieht man den Tafelberg am Horizont auftauchen und wachsen. Wie bei allen besonderen Orten kann man sich auf diesen ersten Anblick kaum vorbereiten, Photos und Daten bilden sie kaum ab. Vermutlich ist das auch einer der Gründe, warum die biblischen Bezüge so funktionieren, wie sie funktionieren.

Spätestens im Taxi auf dem Weg vom Flughafen ins Hotel, durch Hochhausburgen und an Townships vorbei, erfährt man eine Reihe von Geschichten und Legenden, die sich um dieses eine der 7 Weltwunder der Natur ranken. Und man erfährt davon, in welcher besonderen Beziehung die Einwohner der Südafrikanischen Metropole zu ihrem Hausberg leben. Wie sehr sie sich und ihre Geschichte mit dem Berg identifizieren. Wie sehr er ihnen durch die Zeiten hindurch eine »Rückendeckung« war. Wie sehr der Berg immer wieder für ein besonderes Wetter und schnelle Klimaumschwünge sorgt. Und so wird einem Besucher noch vor dem Hotel-Check-in klar: Rückendeckung und Klimawandel können Großteile der südafrikanischen Bevölkerung bis heute gut brauchen.

Im sprichwörtlichen Schatten dieses besonderen Berges also fand in der vergangenen Woche die 3. internationale Konferenz der Fresh Expressions of Church Bewegung statt an der meine Kollegin Sandra Bils und ich teilnehmen durften. Es trafen sich etwa 350 Teilnehmende zur Hauptkonferenz vom 16.-18.2.2016 in den Räumen der »His People Christian Church« zum Thema »Future Church – discerning the future church together«.

Die Meisten der Delegierten kamen aus Südafrika selbst, aber auch Interessierte aus anderen afrikanischen Ländern, aus England, Australien, den USA und aus Schweden. Konfessionell waren vor allem anglikanische, reformierte und methodistische Vertreter vor Ort, aber insgesamt fand man wohl etwas über 20 Konfessionen dort vereint. Begonnen hat der Kongress am Montag mit einer Vorkonferenz zum mission-shaped ministry Kurs (der in Deutschland vor allem unter dem Namen Fresh X Kurs bekannt ist). Im Verlauf der Konferenz referierten wichtige Akteure der englischen Bewegung wie +Graham Cray, Phil Potter und Michael Moynagh, aber auch nationale Speaker wie Jerry Pillay oder Nelus Niemandt in den Vormittagsforen, während die Nachmittage vor allem im Zeichen von Workshops (Indabas) und praktischen Erfahrungen standen. Wichtige Themen hierfür waren zum Beispiel Urbanisierung, Leadership, Umweltschutz, Armut und Ungerechtigkeit, aber auch die Ausbildungsprogramme wie der Pioneer Ministry und der Mission-Shaped Ministry Kurs.

Zum ersten Mal hat man mit der Konferenz – das heißt mit einem wichtigen Kristallisationspunkt des Fresh Expressions Netzwerks – nicht in England gastiert, sondern ist bewusst in einen ganz anderen Kontext eingetaucht. Eine mutige und in diesem Fall zugleich sinnvolle und möglicherweise auch zukunftsweisende Entscheidung.

Die Geschichte und der Zustand Südafrikas ist mehr als nur eine Folie, die der Frage der Mission und (Neu-)Evangelisierung der Kirche eine Tiefenschärfe gibt. Die Folgen der Apartheid, die aktuellen Nöte der so vielfältigen südafrikanischen Gesellschaft zeigen entscheidende und relevante Fragen auf, an denen sich eine Theologie, eine Ekklesiologie und eine Missiologie messen lassen muss. Am Fuße des Tafelbergs, in mitten eines so schillernden, gewaltigen und gehaltvollen Kontextes, zeigt sich sehr schnell und sehr genau, ob in den Fresh Expressions of Church eher Versuchungen, Offenbarungen oder Entscheidungen stecken.

Es waren die Zwischentöne, die Bezüge und die Kontexte, die für uns dabei den Reichtum der Veranstaltung ausgemacht haben.

Darüber nachzudenken, wie ein Fresh X Kurs ohne Strom, ohne Beamer stattfinden kann. Wie er aussehen muss und kann für und mit Menschen, die nicht lesen und nicht schreiben können.

Festzustellen wie sehr Rassismus, Gleichberechtigung und Machtmissbrauch Grundfragen der südafrikanischen Kirchen- und ebenso auch Gesellschaftsentwicklung ist. Dabei als weiße deutsche, nicht geweihte, römisch-katholische Frau (Reihenfolge und Auswahl dieser Attribute beliebig) von der Vehemenz und Dichte dieser Phänomene so befremdet sein, dass sich die Frage stellt: Was ist eigentlich meine eigene Brille, die mir zwar manches scharf darstellt, anderes dafür aber verzerrt?

Sprichwörtlich vor Ort immer wieder mit der Nase darauf gestoßen werden, wie sehr Armut und soziale Ungerechtigkeit auch mit Umweltfragen und dem Klimaschutz zu tun haben. Und wie sehr der Dienst an den Anderen auch diese Dimension der Mission im Blick haben muss. (Kleiner katholischer Kommentar: Auf »Evangelii Gaudium« kann gedanklich nur »Lautdato si« folgen!)

Ja, selbst festzustellen, welche Vorbehalte und welches Unwissen es immer noch gegenüber anderen Konfessionen gibt und wie viel sich gleichzeitig aus einer anderer Perspektive schon getan hat.

(Und wieder katholisch kommentiert: Etwas, das man mir persönlich immer wieder erklären muss: Dass bspw. protestantische Akteure so eng mit methodistischen zusammenarbeiten ist bereits für viele Kontexte schon ungewöhnlich und einer der Besonderheiten der Fresh Expressions Bewegung. Die römisch-katholische Perspektive ist nicht unbedingt immer diejenige, die das rechte Maß einer gelungenen Ökumene aufzuzeigen vermag.)

Aber auch an eigene theologische Grenzen zu stoßen, denen ich zwar auch in Deutschland phänomenologisch begegnen könnte, an die ich mich aber nur in einem ganz anderen Kontext wagen kann – weil ja klar ist, dass ich mich fremd fühlen würde.

Gleichzeitig aber in den Beispielen, in der Ästhetik, in den Zugängen und auf vielen Zwischenebenen bis hin zur zwischenmenschlichen vor Augen geführt zu bekommen, dass dieses Fremdheitsgefühl eines ist, mit dem man differenziert umgehen muss, weil es ein Grundvektor ist für kontextualisierte Mission.

Und in allem und in vielen Augenblicken dieses große Nichtsdestotrotz spüren zu können, das einigen irgendwie mit 350 Fremden schnell verbindet.

Interkulturalität, Ökumene, Kontextualisierung waren die drei Begriffe, an denen wir unsere Teilnahme an diesem Kongress festmachen würden und durch die wir in diesen 4 Tagen ungemein viel lernen durften.

Mit der bewussten Entscheidung nach Kapstadt zu gehen, war aber nicht nur uns viel geschenkt, sondern auch der Bewegung Entscheidendes gelungen: Wie bei allen Veranstaltungen dieser Art ist das Netzwerken zwischen den Teilnehmenden und Veranstaltenden ebenso wesentlich wie die vermittelten Inhalte. Durch das Eintauchen in einen ganz anderen Kontext zeigt sich zum ersten Mal wie sehr sich das globale Netzwerk der Fresh X Inspirateure und Inspirierten schon angereichert hat, wie weit verzweigt die Knotenpunkte sind und auch wie vielfältig das Lernen von einander jetzt bereits schon möglich ist.

Als nächster Schritt bietet sich an in ein globales Netzwerk zu investieren, die Kontexte wechselseitig ansichtig zu machen und Lernerfahrungen auch wieder zurück nach England zu spielen, um so in einen vielschichtigeren und damit vielleicht auch gesunderen, da angereicherten Diskurs über das Kirche Sein und Werden einzutauchen.

Am Freitag mussten wir unsere Hütten am Fuße des Tafelbergs wieder abbrechen und sind nun wieder in Hannover gelandet um hier, in unserem Kontext, weiter über die Idee der Fresh Expression nachzudenken. Wie sehr unsere Erfahrung in Kapstadt Offenbarung, wie sehr sie Versuchung und wie sehr sie Verklärung war, wird wohl nur die Zeit zeigen. Aber ich bin mir sicher, dass auch dieses Erlebnis im katholischen »et... et« aufgeht: Sowohl, als auch.

Hier gibt es Bilder der Konferenz und hier kann man die Präsentationen der Konferenz ansehen und herunterladen.

Orientierung: 

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