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So gestresst sind unsere Seelsorger. Nicht?

  • Veröffentlicht am: 22 April 2015
  • AutorIn: Maria Herrmann

Während unserer Arbeit, bei Workshops, in der Prozessbegleitung oder in punktuellen Kontakten, kommt es nicht selten vor, dass wir immer wieder auch auf die Rolle und die Aufgaben von Hauptamtlichen zu sprechen kommen. Das so genannte Ehrenamt, gemeinsames und allgemeines Priestertum, die Vision eine partizipativen Kirche sind Herzensanliegen bei Kirche². Doch um dahingehend Prozesse anzustoßen, bedarf es eine Wahrnehmung dessen, was ist, was sich tut und zeigt – bei Hauptamtlichen und in den sogenannten ehrenamtlichen Strukturen. Ganz im Sinne dessen, was wir aus dem Prozessdreischritt Sehen » Urteilen » Handeln gelernt haben. 

In der letzten Woche wurde eine unabhängige (!) Umfrage, eine großangelegte Studie und ihre Ergebnisse veröffentlich: Sie beschäftigt sich mit der Lebenszufriedenheit von römisch-katholischen Seelsorgern. Ich bin davon überzeugt, dass Projekte und Erkenntnisse dieser Art kleine Mosaiksteinchen sind, die unserem Urteilen und Handeln (Aus-)Richtungen geben können. An Arbeiten und Studien dieser Art kommen wir nicht vorbei und ich glaube auch, dass man hier einmal mehr wechselseitig ökumenisch voneinander lernen kann. Hier findet man die Wissenswertes der Studie bei katholisch.de und dazu ein Interview mit dem Psychologen Eckhard Frick SJ, der die Studie geleitet hat.

Anlässlich dieser Veröffentlichung habe ich Kilian Martin, Volontär bei katholisch.de, gebeten uns ein paar Aspekten in Richtung Kirchenentwicklung zu
deuten. Ich bin ihm sehr dankbar, dass er der Bitte nachgekommen ist, und dokumentiere hier meine Fragen und seine Antworten.

Maria Herrmann: Was hat dich überrascht? Was hat dich bestätigt? 
Kilian Martin: Es gab in der Tat einige Ergebnisse, mit denen ich so nicht gerechnet hatte. Das betrifft beispielsweise das große Thema des Umgangs der Priester mit dem zölibatären Leben. Die Tatsache, dass die Hälfte der Priester Probleme (welcher Art auch immer) mit dieser Lebensform zu haben scheinen, deckt sich nicht unbedingt mit meinen bisherigen, persönlichen Erfahrungen.

Überrascht war ich aber auch von der anscheinend geringen Bedeutung der immensen Arbeitsbelastung für das seelische Wohlergehen der Seelsorger. Auch das deckt sich - diesmal umgekehrt - nicht unbedingt mit meinen eigenen Erfahrungen. Ich hatte das bislang immer als wichtiges Thema für viele Hauptamtliche wahrgenommen.

Bestätigt wurde ich durch die Ergebnisse hingegen in meiner Vermutung, dass die Anerkennung der Arbeit einen großen Einfluss auf die Zufriedenheit der Seelsorger hat.  Und auch den Zusammenhang zwischen einem erfüllten spirituellen Leben und seelischem Wohlergehen habe ich erwartet.

Maria Herrmann: Zeigt die Umfrage mit dem Ergebnis, dass es den in Kirche hauptamtlich Tätigen besser geht als dem durchschnittlichen Deutschen auch, dass christliches Leben einen besonderen Wohlfühlfaktor hat? 
Kilian Martin: Christentum ist keine Wohlfühlveranstaltung. Wir haben gerade erst die Karwoche gefeiert. Die tränenreiche Nacht am Ölberg und der Blick auf das Kreuz am Karfreitag sind keine Wellness-Momente. Der christliche Glaube fordert uns enorm heraus, gerade auch durch das Ärgernis des Kreuzes, um es mit Paulus zu sagen. Und wir Christen predigen diesen Skandal auch noch. Wer Christentum verinnerlicht hat, kann sich nicht nur wohl damit fühlen.

Aber, um zur Frage zurück zu kommen, natürlich gibt der Glaube auch Sicherheit und Sinn. Wer dann als Hauptamtlicher sein Leben buchstäblich in den Dienst an dieser Botschaft stellt, wird sich mutmaßlich auch seiner beruflichen Tätigkeit sicherer sein und in dieser mehr Sinn finden - was natürlich nicht ausschließt, dass man auch in jeder anderen Tätigkeit einen Gottes-Dienst sehen kann.

Maria Herrmann: Wir machen im Zusammenhang bei Kirche² mit kirchlichen Aufbrüchen, Entropreneurship und Kirchenentwicklung immer wieder die Erfahrung, dass all das auch eine Frage nach Versöhnung, Re-Kommunikation und Über-Denken von Bestehendem und Gemachtem hervorruft. Wie passen die Zahlen zum Empfang des Bußsakraments von Hauptamtlichen dazu? 
Kilian Martin: Diese Zahlen haben mich überrascht und auch stark zum Nachdenken angeregt. Die Versöhnung ist ein wunderbares Geschenk, das wir generell nur viel zu zaghaft annehmen. Wieso das aber ausgerechnet bei den Profis so ist, kann ich nur annäherungsweise versuchen zu erklären.

Das kirchliche Leben (in Deutschland) professionalisiert sich in der Weise, dass wir uns für Gemeindeaufbau und Leitung immer häufiger Tools aus dem säkularen Bereich zu Nutze machen. Das geht bis hinein in die Sprache.
Wir haben es jedoch in der Kirche vernachlässigt, eine Feedback- und Evaluationskultur zu entwickeln; sowohl auf gemeindlicher, wie auch auf weltkirchlicher Ebene. Das (konstruktive) Hinterfragen gewisser Mechanismen, Einstellungen und Konzepte bis an deren Wurzel ist etwas, vor dem wir in der Kirche eine spürbare Angst haben.

Das kann man auch auf die Person übertragen, insbesondere, wenn sie sich stark mit der Kirche identifiziert. Die Beichte als äußerer Akt des Sakraments der Versöhnung ist das radikale Hinterfragen eigener Einstellungen, Vorstellungen und Taten. Das tut weh und muss geübt werden.
Allerdings bedingen sich kirchliche und persönliche Übung. Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir in der Kirche das Büßen lernen sollten, wenn wir es als Personen nicht können. Zugleich frage ich mich, welchen Anreiz ich als Person zur Buße habe, wenn ich diese Fähigkeit in der Kirche nicht sehe.

Maria Herrmann: Auffällig scheint ja die Unterscheidung zu sein zwischen kategorialer und parochialer Seelsorge. Wird es Zeit für eine andere Verhältnisbestimmung von lokalen und regionalen Dienstbereichen für Hauptamtliche und letztlich ein Aufheben einer Unterscheidung hin zu einer lokalen und kontextuellen Seelsorge? 
Kilian Martin: Ich bin mir sicher, dass in Deutschland und ähnlichen Regionen die Territorialpfarrei als Standardfall der Seelsorge mittelfristig ausgedient hat. Und das sage ich, obwohl in meiner Brust auch ein Herz für die klassische Stadtteilpfarrei schlägt.
Aber die Frage, welcher Weg - Territorialpfarrei oder kategoriale Seelsorge - unter dem Gesichtspunkt der Kirchenbildung der bessere ist, spielt hier gar nicht die zentrale Rolle. Wir müssen uns vielmehr fragen, wieso die Belastungen der Seelsorger so unterschiedlich ausfallen.

In der großen Seelsorgeeinheit, die heute aus gleich mehreren Pfarreien besteht, ist der Seelsorger als Allrounder gefragt. Da muss er alles irgendwie können und das bestenfalls auch sehr gut. Natürlich ist das wahnsinnig belastend.
In der kategorialen, oder auch kontextualen Seelsorger, ist hingegen der Spezialist - der Nerd - gefragt. Das ist nicht weniger herausfordernd, aber wohl doch deutlich weniger aufreibend.

Natürlich müssen wir das Verhältnis der verschiedenen Konzepte neu bestimmen; laufend. Wir sollten uns aber zuvor schon fragen, wie man Menschen auf das Allrounderdasein besser vorbereiten kann und ob es nicht doch noch mehr Spezialfälle und dazu passende Nerds gibt.

Maria Herrmann: Welche Punkte sind deiner Meinung nach im Blick auf Kirchenentwicklung(en) nach den Erkenntnissen der Studie noch zu beachten? 
Kilian Martin: Ich bin fasziniert von der Erkenntnis, dass unsere Profis teilweise absurd hohe Arbeitsleistungen erbringen und dies für sie scheinbar problemlos hinnehmbar ist, wenn sie dafür angemessene Anerkennung erhalten. Das zeigt, dass wir als Kirche - auch zum Wohle unserer Seelsorger - am besten als Team funktionieren. Und zwar als eine Communio, die zusammengehalten wird von Anerkennung, Dankbarkeit und Wertschätzung. Die Studie zeigt: Wer spürt, dass seine Arbeit gebraucht und mit Dankbarkeit angenommen wird, ist buchstäblich bereit, sich vollkommen darauf einzulassen.

Möglicherweise ist das zu einfach gedacht, aber ein einfaches "Vergelt's Gott" könnte in dieser Kirche wohl manchmal Wunder wirken.

 

Was für Fragen tauchen bei Ihnen auf? Haben Sie einige Erkenntnisse überrascht? Gibt es etwas, das im ökumenischen Gespräch noch dazugetragen werden kann? Wir freuen uns auf Ihre Meinung, Ihre Fragen und Ihre Erfahrungen. 

Orientierung: 

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