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»Raising a glass to god«

  • Veröffentlicht am: 14 May 2015
  • AutorIn: Maria Herrmann

Vielleicht kennen Sie das: Sie begegnen einen Gruppe von Menschen und rätseln darüber, was sie miteinander zu tun haben, was sie zur Gruppe macht. Sind sie Arbeitskollegen oder Freunde? Arbeitskollegen und Freunde? Gehen sie zusammen zum Sport oder auf ein Konzert? Waren sie zusammen auf der Schule oder leben in der selben Nachbarschaft?

Am vergangenen Montag Abend stand so eine Gruppe von Menschen in der Innenstadt von Hannover zusammen. Nicht wenige dürften sich beim Passieren gefragt haben, was dieser »zusammengewürfelte Haufen« da mitten auf der Straße gemeinsam tut.

Gemeinsam getan haben sie etwas ganz Einfaches: Bei einem Bier, einem Kaffee, einer Saftschorle Musik gemacht. Laut gesungen. Bekannte Lieder, die irgendwie alle etwas mit den großen Fragen von uns Menschen zu tun haben. Und sie haben sichtbar Spaß dabei gehabt. Ein bisschen so wie an einem Lagerfeuer. Ein bisschen so wie damals, als die Welt noch etwas weniger kompliziert war.

Zum ersten Mal hat am vergangenen Montag Abend »Beer & Hymns« in Hannover stattgefunden. Deutschlandpremiere, soweit wir wissen. Unter dem Namen »Beer & Hymns« treffen sich Christinnen und Christen, vor allem bisher in den USA, aber auch in anderen englischsprachigen Ländern. Was hat es damit auf sich?

Gemeinsames Singen hat auch bei uns in Deutschland so etwas wie eine Renaissance. Bewegungen wie offene Singtreffs in hippen Bars, die neue Volxmusik Initiative und Sing-Flashmobs zeigen, dass etwas dran ist an dem gemeinsamen Singen. In den letzten Jahren nahm diese Dynamik durch neue Impulse wie zum Beispiel Ten Sing und Gospelkirchen auch in der Kirche Gestalt an. Klar dabei wird: Singen ist menschlich. Singen eint. Singen befreit. Singen hat fundamental mit dem Leben zu tun. Schließlich macht unser Atem Töne.

Ein bisschen so etwas verbirgt sich auch hinter Beer & Hymns. Zum ersten Mal erfuhr ich von Beer & Hymns aus den Schilderungen von Nadia Bolz-Weber. Ich war sofort begeistert, nicht nur weil ich Bier mag. Sondern weil es mir in normalen Gottesdiensten und Liturgien ausgesprochen schwer fällt die Gelegenheit der Partizipation wahrzunehmen. Bei meiner Recherche konnte ich leider nicht so richtig herausfinden, wie genau die Idee entstand; populär wurde sie jedenfalls mit der lutherischen Pastorin und ihren Büchern und Blogeinträgen.

So geht es also bei »Beer & Hymns« schlicht und – manchmal auch wirklich – ergreifend darum, gemeinsam bei einem Getränk und bei Liedern, die von unserem Glauben und unseren Fragen erzählen, sein Glas zu erheben und das Leben und die Liebe und Gott zu feiern. In aller Unterschiedlichkeit aber viel mehr noch: In Gemeinschaft einen guten Abend zu verbringen und viel Lärm dabei zu machen. Ein bisschen etwas wie himmlischen Lärm. Brausen und Tosen. Brummen und Piepsen. Und so von Gott zu erzählen. Ohne Worte. Mit Tönen, aber mehr noch dem Lächeln, das sich in den Gesichtern spiegelt.

Doch bleiben wir am Boden: Für den Anfang haben wir uns in Hannover gar nicht allzu viel vorgenommen: In Kooperation mit dem ka:Punkt in der Innenstadt und mit vielen anderen Kollegen aus dem Bistum Hildesheim und darüber hinaus, haben wir einen Anfang gewagt und die Idee hier vor Ort ausprobieren.

Es sollte Spaß machen. Das haben wir von Anfang an betont. Wir wollten uns der Frage stellen, wie dieses »Beer & Hymns« bei uns aussehen könnte. Es gab keine Flyer, keine Zielgruppe, keine Ergebnisvorstellung.

Schaut man bei Wikipedia nach der Bewegung der neuen Volxmusik findet man diese Intention: Sie will »Elemente der Volksmusik in neue Kontexte setzen.« Genau das beschreibt es gut. Wir wollten die Musik des pilgernden Gottesvolkes in neue Kontexte setzen. So haben wir uns für den Anfang bei weltlichen Liedern bedient: Wir sangen Leonhard Cohens »Halleluja« und Barclay James Harvest »Hymn«. Zu »Großer Gott wir loben dich« fehlte uns noch der Mut, aber ich merke heute beim Schreiben dieser Zeilen, dass das beim nächsten Mal gut und gerne dabei sein kann.

Wir entschieden uns bewusst für keinen kirchlichen Ort, sondern sind in eine Kneipe, genauer gesagt in den Außenbereich einer Kneipe in der Innenstadt Hannovers gegangen. Dort haben wir vorher natürlich mit dem Wirt abgesprochen, dass wir kommen werden. Nach drei umfangreichen Proben in den letzten Wochen, die mehr zu unserer Sicherheit, denn zur Perfektion unserer Setlist beigetragen haben, begannen wir am Montag Abend um 19 Uhr in der Grupenstraße in Hannover. Es setzten sich im Laufe der nächsten Stunde immer wieder Menschen zu uns, blieben stehen, waren irritiert, summten und brummten im Vorbei gehen mit. Und in vielen Gesichter spiegelte sich unser Lächeln wieder.

Was mir jetzt beim Zusammenfassen des Abends, aber vielleicht schon am Montag währenddessen einmal mehr bewusst wurde: Wir dürfen uns als Kirche diese kleinen Abenteuer nicht nehmen lassen. Die Aufregung, den Puls, das Leben. Und es lohnt sich, gemeinsam los zu gehen, auch auf die Gefahr hin uns Beulen auf der Straße zu holen. Vollkommen unperfekt sein. Krumm singen, aber und gerade dann mit einem Lächeln. Dabei gefragt werden, warum man das macht. Wer man ist. Wo man her kommt.

Nach der Erfahrung, und ich denke es ist diesen Zeilen zu entnehmen, kann ich es also jedem nur empfehlen: Wenn Ihnen etwas liegt an der Zukunft der Kirche, lassen Sie sich auf diese kleinen Abenteuer ein. Sie schärfen unsere Wahrnehmung. Zeigen das Wesentliche auf. Sie bringen neue Gemeinschaftsformen hervor. Das Zusammensein in der Unterschiedlichkeit. Die große Lust auf die gemeinsamen Fragen zu dem, was uns im Alltag Hymnen singen lässt.

Und vielleicht kennen Sie das ja auch: Wenn man dann in so einer Gruppe steht beginnt man auch zu beobachten. Die Reaktionen derer, die zufällig vorbei kommen. Bleiben sie stehen? Gehen sie einfach so weiter? Klopft der Mann wirklich den Rhythmus auf seinem Oberschenkel mit? Ist das ein kleines Lächeln, das sich in dem konzentrierten Gesicht zeigt? Entstehen plötzlich Verbindungen zwischen Menschen, die sich vorher nicht kannten, nie etwas miteinander gemein hatten? All das war und ist es wert den Mut aufzubringen. Und die Lust nach mehr, auf ein nächstes Mal, die ja eigentlich und im Kern eine missionarische ist: Da fehlen noch viele im großen Chor.

Wie es bei uns weiter geht erfahren Sie auf unserer Facebook-Seite:
https://www.facebook.com/beerandhymnshannover

Weitere Informationen/Beispiele/Initiativen finden Sie hier:
http://www.beerandhymnsoc.com
https://www.greenbelt.org.uk/contributors/beer-and-hymns/
http://www.beerhymns.com
http://www.ocregister.com/articles/hymns-653489-beer-says.htm
http://www.gatheringfm.org/beer-and-hymns.html
http://webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:bFQt-DhIUXgJ:pastor...
http://www.mprnews.org/story/2014/01/19/religion/softly-and-tenderly-jes...

Und ansonsten empfiehlt sich natürlich anlässlich dieser Geschichte »Pastrix«, das autobiographische Buch von Nadia Bolz-Weber

Orientierung: 

Kommentare

Das hat Spaß gemacht - und in der Tat: solche Erfahrungen sollten wir uns nicht verbieten :)

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