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Heilig experimentiert?

  • Veröffentlicht am: 24 July 2015
  • AutorIn: Maria Herrmann

In den letzten Tagen hören und lesen wir (nicht nur) in kirchlichen Medien von aktualisierten Mitgliederzahlen der römisch-katholischen Kirche in Deutschland. Die Zahl der absoluten Austritte beläuft sich auf 217.716 – noch nie haben in Deutschland so viele Getaufte die römisch-katholische Kirche verlassen. Noch nie war der Prozentsatz der Katholiken in Deutschland unter 30% und damit weniger als 24 Millionen Mitglieder – bis eben 2014.

Zum zweiten Mal hat am vergangenen Wochenende unser einjähriger Fresh X Kurs sein Ende gefunden. Zum zweiten Mal waren wir mit etwa 20 Menschen ein Jahr lang unterwegs auf der Suche nach ergänzenden (»neuen«?) und relevanten Formen kirchlichen Seins und einer Kultur der Nachfolge Jesu. Wir waren unterwegs mit leidenschaftlichen Gemeindegründern, loyalen Reformern und postkonfessionellen Taufgeweihten. Haben an sechs Wochenenden Gründerzeiten gefeiert und in den Wochen zwischen den Kurs-Terminen die Initiativen der Teilnehmenden beim Entstehen und Wachsen, aber auch dem Scheitern und Wandeln beobachten und begleiten dürfen.

Wie passen die doch immer deutlicher werdenden Zahlen einer Marginalisierung und das Engagement von Kirche hoch 2 mit Gemeindegründungs- und Fresh X Kursen zusammen? Ist das vielleicht nur eine Art antizyklische Kirchenpolitik, auf die sogar John Maynard Keynes stolz gewesen wäre?

Wir glauben, es ist mehr: Es ist ein Paradigmenwechsel. Kein Versorgen eines Marktes und Stoßen in neue und immer größer werdende Marktlücken. Es ist Abenteuer des Geistes. Kein Projekt, das ausschließlich des Managements bedarf. Gnade und Experiment. Kein Angebot und keine Nachfrage. Prozess, Dynamik und Suche. 

Das Erstaunliche dabei ist, dass sich in diesem Suchen und Tasten immer deutlicher Fragenkomplexe herauskristallisieren – ob unter den Kursteilnehmenden innerhalb der einzelnen Kurse, zwischen den Jahrgängen, aber auch in der Begleitung und Reflexion anderer Kontexte.

Es geht um drei große Fragenkomplexe und die Hebelthemen für unseren Nachdenken über eine Kirche der Zukunft werden immer klarer: Es sind Fragen nach Amt und Dienst, nach Sakramenten und nach Gemeinde- und Kirchenverständnis. Im Spannungsfeld von Mission-Kirche-Ökumene müssen und können wir uns diesen Diskursen stellen und die Relevanz in Maßnahmen wie unter anderem Fresh X Kursen immer wieder überprüfen. 

Dass es zur Entwicklung einer Kirche, die sich von ihrer Sendung her form, neben dem Engagement im Fresh X Netzwerk auch weitere Instrumente bedarf liegt auf der Hand und zeigt, dass es um einen Prozess der Kirchenentwicklung in globaler Perspektive, jedoch ganz konkret für die Kirche hier vor Ort geht. Das sind wir nicht nur den oben erwähnten Zahlen schuldig, sondern liegt im Wesen und Kern dessen, wie sich Kirche uns erschließen, besser vielleich: er-öffnen will.

Exposure Touren wie die im kommenden September nach England, aber auch jene im nächsten Jahr nach Südafrika sind Bausteine dieses Prozesses. Ebenso wie die nächste Theologische Tagung von Kirche hoch 2 vom 20.-22. Januar 2016 (save the date!) in der Akademie in Loccum. Weitere Maßnahmen sind in Planung und orientieren sich auch an den Bedarfen, die sich unter anderem auch in den Kursen gezeigt haben: So sind zum Beispiel für das nächste Jahr auch Gründerexerzitien geplant, die wir auch in Kürze hier vorstellen werden.

Von den Initiativen, die sich nun in diesen Tagen, Wochen und Monaten gründen, wird noch zu erzählen sein. Darüber, wie es mit uns und »dem Fresh X Kurs« weiter geht auch. Welche weiteren Schritte wir auf dem Weg einer Kirchenentwicklung gehen natürlich ebenso. All das wird hier im Blog und auf der Website zu finden sein.

Was bleibt ist eine große Dankbarkeit, diese Form der ökumenischen Lerngemeinschaft ein Jahr begleiten haben zu dürfen. Wir, meine Kollegin Pastorin Sandra Bils und ich, haben dabei selbst einmal mehr viel gelernt und sind wieder davon überrascht worden, wo und wie Gott uns überall begegnen will.

Und so schließe ich heute mit den Worten, die ich persönlich bei einem meiner ökumenischen Abenteuer im vergangenen Jahr entdecken durfte. »Gott wende zum Guten, was nicht gelungen ist, und vollende, was begonnen ist.« Und ich schließe an: Er segne, was sich uns in Zukunft zeigen will. 

Orientierung: 

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