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Gibts wohl Fisch auf den Tisch?

  • Veröffentlicht am: 23 October 2017
  • AutorIn: Teambeitrag

»Der Zukunftstag war großartig! In jeder Hinsicht. Ich höre von allen Seiten nur Lob und Begeisterung. Alles in einem Raum, schöne Atmosphäre, alles sehr professionell, inhaltlich herausragende Referenten und sympathische Interviewpartner, der Comedy-Küster, die Moderatorin, das Essen, das Klima, die Musik - wo soll ich anfangen: top, top, top! Ich war mit gemischten Gefühlen angereist und bin euphorisch wieder abgereist. Und genauso war auch das Klima unter den anderen.«

So blickt ein Teilnehmer auf den Zukunftstag des Kirchenkreises Soltau vor gut einem Monat zurück. Mit dem biblischem Motto »Das Netz zur anderen Seite« (Joh 21) auswerfen, hatte der Kirchenkreis eingeladen, Zukunft in den Blick zu nehmen und zu gestalten. Über 150 Menschen waren aus unterschiedlichen Gemeinde und Einrichtungen des Kirchenkreises in die Alte Reithalle nach Soltau gekommen, der Event-Location vor Ort. Und machten sich inspiriert und ermutigt wieder auf den Weg.

Begonnen hatte alles mit einer Kirchenkreiskonferenz im April diesen Jahres. Bekannt war damals im Kirchenkreis nur das Datum und das Stichwort »Zukunftstag«. Superintendent Heiko Schütte wollte den Tag vorstellen und die Kolleginnen und Kollegen motivieren. Ich sollte inhaltlich und methodisch auf den Tag einstimmen. Das Grundkonzept hatten wir im Vorfeld abgestimmt: keine fertigen Zukunftskonzepte, keine Strukturdebatten, keine Kürzungsszenarien, die wieder nur auf Mangel und Defizite fixieren. Stattdessen eine bunte Mischung aus inspirierenden Vorträgen, viel Beteiligung und gastfreundlichem Ambiente. Bei nur fünf Monaten Vorbereitungszeit ein ausgesprochen ambitioniertes Vorhaben. Zwei Tage vor dem Treffen dann die Nachricht, dass der Superintendent erkrankt sei. Die Konferenz fand trotzdem statt. „Das wird ein Rohrkrepierer“, dachte ich. Ich bin viel auf Kirchenreiskonferenzen unterwegs und vergleiche das Agieren als Referent gerne mit dem Betreten eines frisch zugefrorenen Dorfteiches. Man weiß nie, wie dünn das Eis ist. Und wenn es knackt, ist es schon zu spät. Doch es kam ganz anders. Ich wählte als Einstieg zwei praktische Methoden, um einen lebendigen Eindruck von der Intention und dem Spirit des Zukunftstages zu geben. Ein Funke sprang über. Die oftmals abwartende, tendenziell skeptische Haltung, verbunden mit der unausgesprochenen Frage „Was sollen wir denn noch alles machen?“ wich Offenheit und Begeisterung. Es wurde nicht nur engagiert gearbeitet, sondern auch viel gelacht. Als ich am Ende des Vormittages dieses gemeinsame Erleben zum Ziel des Zukunftstages erklärte und das entsprechende Grundkonzept vorstellte, stand eine deutliche Entscheidung im Raum: das wollen wir! Im Protokoll zum Tag liest sich dies rückblickend so: »Dieser Tag soll kein ›Maggi-Kochstudio mit fertigen Rezepten‹ werden. Sondern es braucht die Kompetenz der Teilnehmer, IHRE Ideen, IHRE Beteiligung, Raum für den GEIST und es braucht ENERGIE, damit „Kirche wieder aus dem Häuschen geraten kann«. Dabei sind Visionen gefragt, keine Re-Visionen. Kleine Aufbruchsstimmungen sind nötig, ein Wir-Gefühl, das zu entdecken ist und das zu weiteren Ideen verleitet. Dabei ist es eigentlich relativ einfach, haben wir festgestellt: Wenn man den anderen Komplimente macht, statt zu mäkeln, das bringt schon ziemlich viel - und macht zudem noch Spaß!« Und treffend wurde die entscheidende Voraussetzung benannt: „Wir müssen von der Idee dieses Themas begeistert sein, damit wir andere begeistern können. Es kann nur klappen, wenn wir uns als Kirchenkreis das zu eigen machen! Ich glaube: Dat löppt!«

Und es lief… Natürlich hielten nicht alle Kolleginnen und Kollegen diesen Begeisterungspegel und konnten ihre Gemeindemitglieder angesichts des immer noch ausgeprägten Kirchtumsdenken zu einer Kirchenkreisveranstaltung motivieren. Doch bei manchen schon – und dazu gehörte auch der Vorbereitungskreis, der mit großem Engagement und heißer Feder am Tag strickte und sich auch von Rückschlägen nicht entmutigen ließ. Wie wichtig diese gemeinsame Erfahrung war, zeigt das Feedback eines Mitglieds: »Die Atmosphäre aus der Vorbereitungsgruppe hat sich - Gott sei Dank - am Tag selbst widergespiegelt und fortgesetzt«.

Auf der Homepage www.zukunftstag-soltau.de kann man sich einen Eindruck vom Tag verschaffen – mit Bildern, Vorträgen und Impulsen. Nicht wiedergeben kann die Homepage die Voten aus dem Podium, wo wir von drei Gästen Zukunftsblicke jenseits binnenkirchlicher Grenzen präsentiert bekamen. Als eine junge Bauunternehmerin, die in 4. Generation einen Familienbetrieb leitet, von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie erzählte und wie wichtig Vertrauen zwischen Betrieb und Kundschaft ist, konnte man im Saal die berühmte Stecknadel fallen hören. Und auch die Dynamik, die sich an den 25 Erzähltischen am Nachmittag einstellte, an denen Menschen aus Gemeinden und Einrichtungen ihre Projekte und Initiativen vorstellten, lässt sich nur schwer digital vermitteln. Dabei wurden nicht nur Innovationen und Erfolgsgeschichten präsentiert, sondern auch die bleibende Attraktivität des Normalprogramms und Erfahrungen des Loslassens und Aufgebens und einer offenen Suche nach neuen Ansätzen. Eine Originalstimme dazu: »Besonders sind mir die vielen fröhlichen und motivierten Menschen vor Augen. Das ist doch wunderbar: Fröhlich von dem erzählen, was man Gutes in der eigenen Gemeinde erlebt und sich staunend und anteilnehmend freuen über das Gute, das anderswo geschieht.«

Die beiden Referenten, Hans-Hermann Pompe, Leiter des EKD-Zentrums »Mission in der Region« und Dr. Christian Hennecke, Leiter der Hauptabteilung Pastor im Bistum Hildesheim sorgten für einen weiten Horizont und Ausblicke in evangelische und katholische Kirchenlandschaften. Ihre leisen und zugleich kraftvollen Töne machten Lust zum Aufbruch in die Zukunft. Mit drei Stichworten umriss Hans-Hermann Pompe eine Kultur des Aufbruchs: Altes und Überholtes sterben lassen, demütige Neugier, was es bei anderen zu lernen gibt und Vernetzung. Christian Hennecke ergänzte in Anlehnung an die biblische Geschichte aus Joh 21, dass die Zukunft der Kirche an den Alltagsorten beginne, nicht hinter Kirchenmauern. Christus wird als Ursprung des Glaubens da erfahrbar, wo wir im Alltag den Sprung ins Neue, Ungewohnte wagen und uns senden lassen. So erneuert sich Kirche und findet zugleich zu ihrem Ursprung zurück.

Gab es Fisch auf dem Tisch? Ja. Hausmeister Papke (mit langem A) alias Manfred Büsing hatte in Anlehnung an unser biblisches Tagesmotto nicht vergeblich zum Essen gebetet. Denn neben Lachschnittchen zum Mittag bekam jede/r Teilnehmende am Ende des Tages noch eine kleine Netztüte mit einer Fischbackform mit auf den Weg. Eine bildliche Erinnerung an den besonderen Fang des Tages. Mein Fang reichte weit darüber hinaus – und ich zehre noch heute davon: ein kleines Pfingstfest mit maritimen Ambiente mitten in der norddeutschen Tiefebene. Die wiederholte Erfahrung einer Einsicht, die ich von der ersten ökumenischen Studienreise mit dem Bistum Hildesheim zu den fresh expressions of church mitgebracht habe: without a dream, without a team, you can't start. Aber mit Traum und Team lässt sich viel bewegen – und ist sogar höchst vergnügungssteuerpflichtig! Die erneute Entdeckung, dass die Menschen mit ihrer Leidenschaft und ihrem Engagement der Kirche vor Ort ihr Gesicht geben und das entscheidendste Kapital für die Zukunft sind. Das Wissen, dass der Kirchenkreis nicht nur als Organisations- und Planungseinheit, sondern auch als Forum der Begegnung, des Austausches und der Lerngemeinschaft von Engagierten aus Gemeinden und Einrichtungen wie Kitas, Familienzentrum, Diakonie u.a. eine wichtige Zukunftsrolle spielen kann. Die ermutigende Erfahrung, dass sich Lernerfahrungen der Kirche²-Bewegung mit ihren energetischen und partizipativen Formen an nichtkirchlichen Orten in einem vergleichbaren Spirit fortsetzen lassen, wenn sich Traum und Team heraus bilden. Und dass der Auferstandene längst an manchen (nicht nur) kirchlichen Ufern darauf wartet, unsere alten Muster und frustrierten Erfahrungen mit seiner Aufforderung zu durchbrechen: »Werft das Netz zur anderen Seite aus«! Denn dann gibts Fisch auf den Tisch. 

Philipp Elhaus

Orientierung: 

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