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Einfach Nachbar sein?

  • Veröffentlicht am: 1 July 2015
  • AutorIn: Maria Herrmann

»Und wie lange sind Sie schon in diese Räumen?« werde ich gefragt. »Etwas länger als ein Jahr, vielleicht.« antworte ich und verfolge die Blicke meines Gegenübers. »Die Wände sind sehr kahl oder?« füge ich dazu und schmunzle dabei.

Wir werden häufig nach unseren Wänden gefragt. Mehr noch, nach unserer Einrichtung, die so gar nicht dem entspricht, wie man zum Beispiel ein Büro in einem Generalvikariat oder Landeskirchenamt einrichten würde. Flexibel, einfach, spärlich. »WG-Style« hat es neulich ein Superintendent genannt.

Ich nippe an meiner Cola und sehe mich um. Ich stehe zwischen etwa 15 Menschen im Büro in Hannover/Linden. Es ist Samstag Abend, wir haben kurz vor Sommer und gerade zum ersten Mal ein Wohnzimmerkonzert in unserer »WG« genießen dürfen. Es hätte genauso gut auf der Straße, in meinem Wohnzimmer oder in der benachbarten Kirche stattfinden können. Weil wir aber diesen Raum haben, haben wir es hier versucht. Doch, der WG-Style ist bewusst gewählt und es geht dabei nicht um Koketterie oder Inszenierung. Es war eine bewusste Entscheidung für einen flexiblen Arbeitsstil. Wir wollen nicht bequem werden. Uns und unsere Arbeitsweise regelmäßig dekonstruieren. Darüber nachdenken, was es notwendiger Weise für den nächsten Schritt unserer Zusammenarbeit braucht. Ist es »mission-shaped«?, fragen wir uns dann. Ergibt dies oder das einen Sinn, hat es ein Wozu, ein Warum? Von wegen Theologie und Räume.

Räume, so scheint mir, haben ganz viel zu tun mit unserer Lebens- und Arbeitsweise, aber eben auch mit unserer Theologie und unseren Kirchenbildern. Nicht nur, dass sie Ästhetiken abbilden und Gelegenheiten schaffen, sie geben auch Routinen vor, und weisen – gerade dann, wenn es von mehreren Menschen geteilte Räume sind – Strukturen auf. Kommunikationsstrukturen zum Beispiel. In Räumen schreiben und erleben wir Geschichte. Schließlich sind Räume Bezugsfeld und Relation von Mensch und Welt.

Möglicherweise ist es eine Generationenfrage, vielleicht hat es auch etwas mit Milieus zu tun, dass wir uns so flexibel zeigen. Denn deuten lässt es sich eben auch so, dass wir uns einfach nicht festlegen wollen. Und natürlich lässt sich das alles auch leicht schreiben in einer so bequemen Ausgangssituation wie der unsrigen. Mit der Möglichkeit zur Rückkehr in die großen Häuser an Domhof und in die Archivstraße. Dennoch glaube ich, dass die Rede von der (nich-)bleibenden Stadt und der Suche nach der Zukünftigen uns den Mut zur Dekonstruktion unseres Verhältnisses von Raum und Kirche, vielmehr der Sendung von Kirche in einen Raum geben kann. 

Dass es Menschen ganz genauso oder eben auch ganz anders gehen kann, habe ich in den letzten Tagen erleben dürfen.

Ben zum Beispiel. Ben und seine Frau Jasmin sind das roemer collective. Mit Freunden oder zu zweit machen die beiden traumschöne Musik, die in die geistlichen und weltlichen Jahreszeiten des menschlichen Erlebens hineinspricht. Im Mittelpunkt stehen kontemplative Texte, die an Klagelieder erinnern, verknüpft mit eindringlichen Melodien und einer liturgischen Haptik. Ben erzählt mir beim gemeinsamen Essen vor dem »Wohnzimmerkonzert im Büro« am Samstag, dass er einen Job in einer Gemeinde in Berlin aufgegeben hat. Er hatte in einem  Stadtteil gearbeitet, in einem anderen leben er und Jasmin. Wer Berlin ein bisschen kennt, weiß dass das viel Zeit auf den Schienen, im Bus und auf dem Fahrrad bedeutet. Aber er fügt noch etwas anderes, etwas viel wichtigeres dazu: »Ich wollte meinen Kiez kennenlernen.« Viel zu wenig wusste er über die Menschen, die um ihn herum ihr tägliches Brot verdienen und es essen, die um ihn herum leben. Er möchte jetzt »einfach ein guter Nachbar sein, Gemeinschaft leben«. Ich wurde neugierig: Er beschreibt eine wichtige Veränderung in seinem Leben durch die Neudefinition (s)eines Raumes, in dem er lebt, arbeitet und betet. Seiner Sendung nach geht. Er erzählte auch von einer notwendigen Dekonstruktion vieler dieser Fragen, die eben auch mit Kirche und dem Raum zu tun haben, in dem wir Mission leben. Davon, dass ihm ein sinnvoller Widerspruch lieber sei als Belanglosigkeit. Ich fühlte mich ihm darin sehr verwandt und merkte mir diesen Moment. 

Gestern Abend konnte ich dann eine ganz andere Erfahrung machen und musste wieder an Ben denken. Ich durfte eine Frauengemeinschaft eines Kirchorts kennenlernen, deren Gemeindezentrum und Kirche geschlossen, das Grundstück verkauft werden wird. Wie kann kirchliches Leben, das Leben dieser konkreten Gemeinschaft, Gemeindeleben dort weitergehen? Ist es an diese Räume gebunden, in denen Generationen von Gemeindemitglieder viel Zeit und Geld hineingesteckt haben?

Mir sind diese Termine und auch diese Fragen wichtig, weil ich nicht das Gefühl verlieren möchte für die Sorgen und Nöte, die genau in diesen Zwischenräumen der fortgeschrittenen Strukturveränderung auftauchen: In diesem besonders schmerzlichen »Nicht mehr«, in dem das »Noch nicht« kaum zu erahnen ist. Es sind für mich sehr wichtige Termine, weil ich mir selbst lieber den Rucksack aufsetze als einen Ziegelstein einer bleibenden Stadt in die Hand zu nehmen.

Identität, Sendung und Räume. Wie verhält sich das zueinander. Darüber denke ich nach in diesen Tagen. Sicherlich: Es gibt Konzepte, Praxiserfahrung und die nüchterne Erkenntnis, dass diese Fragen dezidiert europäische zu sein scheinen. Doch wie sehr hilft uns das, in schmerzhaften Prozessen des Abschieds und in kraftraubenden Neuanfängen?

Eine Zwischenerkenntnis teilte gestern Abend eine etwa 80 Jährige Frau am Ende unseres Gesprächs mit mir: »Ich habe keine Angst. Machen wir halt anders weiter. Das war doch schon immer so.« Eine wirklich wunderbare Deutung der sonst so üblichen Klagelitanei. Eine Deutung, die staunen lässt, dankbar macht und von Hoffnung zeugt. Eine Deutung, die man vielleicht nur mit 80 Jahren Lebenserfahrung zu einer 30 Jährigen sagen kann.

Wo bist du Kirche? Was braucht deine Kirche für einen Raum? Welcher Raum braucht deine Kirche? 

Orientierung: 

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